
Geschichte und Spiel des Augenblicks
Der Narr wurzelt im Mythos. Er repräsentiert eine lebendige und ungebundene Kraft, die jede menschliche Ordnung und jede Bequemlichkeit im Menschen schon durch seine Anwesenheit provoziert. Er ist wie das Lachen selbst, an nichts gebunden. Er setzt die Wahrheit vor das eigenen Leben. Das macht ihn unbestechlich, unberechenbar, frech, spielfreudig, frei und lebendig. Er ist ein Verbündeter und wird gleichzeitig gefürchtet.
Geschichtlich wie in Legenden hat er viele Formen angenommen: Till Eulenspiegel war fast eine moralische Instanz, der die braven Bürger in ihrem Geiz, Macht und Dummheit entblößte. Mulla Nasruddin ist der weise Narr der arabisch-persischen Welt. Hans Wurst steht für den Depp, über den jeder lacht, weil er dümmer als der Dümmste ist. Tatsächlich sammelten die Könige im Mittelalter Schwachsinnige und entstellte Menschen als Unterhaltungsobjekte. Der Hofnarr wird oft zitiert. Es hat ihn wohl als Spaßmacher und Symbol eines weisen Spiegels gegenüber der Macht eines Königs gegeben. Seine Späße waren aber meistens auf Kosten der Hofleute. So überlebte er den König nur selten. Der Mythos des Narren aber zeigt seine Bedeutung als Garant für lebendige Wahrheit, als Erinnerung an die Wirklichkeit.
Pierrot und Harlekin haben im Volk eine lange Tradition je nach Kultur. Der Zirkusclown, der mit der roten Nase entstand im 18. Jahrhundert als Pausenclown. Er ist auch bei Shakespeare als hintergründige manchmal derbe, manchmal fast heilige Gestalt. Dazu kommen die unzähligen Narren und Schelme, durch deren Ausschweifungen die Ordnung an die Toleranzgrenzen gebracht wurde. Selbst die Kirche erkannte, wie notwendig es sei, dem Volk eine Zeit des Tabubruchs einzuräumen. Gewählt wurde die traditionelle Zeit der Austreibung böser Geister, die heutige Faschingszeit.
Ein Narr hat keine Macht. Er wirkt durch Anziehung, durch seine Fähigkeit, die Menschen seiner Zeit oder seiner Kultur zum Lachen zu bringen. Er steht immer für die Gegenmacht, seine Mittel: Die Übertreibung und Untertreibung, die Parodie, die Körperlichkeit und das Spiel mit den heiligen Symbolen der Macht. Bei den amerikanischen Indianern ist dem Heyoka die Traurigkeit fremd. Er gilt als Heiler, Erzieher und Spieler, dem nichts heilig ist, denn die Krankheit entsteht aus Kummer und das heißt Festhalten am Alten. Dem Narren und dem Clown ist der Spiel des Augenblicks die Verbindung zum Wesen des Menschen und der Freude.
Ähnlich wie im Hinduismus das lila, ist das Leben ein Spiel, das den Ernst einschließt und nicht umgekehrt. Der Weg des Narren heißt für David Gilmore Mut zum Menschsein, die Stimme des Herzens zu hören, dem Leben und eigenen ursprünglichen Natur ein Verbündeter zu sein.
Die Null - Der Narr als Wandler und Verbündeter, Ausdruck unseres Wesens
Der Narr steht für unsere ursprüngliche Natur, für die Schöpferkraft und die Spielkraft in uns, aus der das Lachen hervorgeht. Er ist die Null, der Nullpunkt in uns, jenseits unserer gelernten Rollen und Begrenzungen im Leben. Ein Augenblick der Fassungslosigkeit in uns, in dem wir uns wieder treu sind, identisch mit uns selbst. Hier fängt das authentische, befreiende Spiel an.
Der Narr in uns setzt die Wahrheit vor das eigene Leben, das Spiel vor den Ernst, das Scheitern vor den Erfolg. Durch die Haltung des Narren und die Spielbereitschaft des Clowns, durch den Kontakt zu unserem Humor steht uns der kreative Fluß unseres Seins zur Verfügung. Die Kraft des Lachens ist keine Technik, sondern ein natürlicher Ausdruck unseres Menschseins, die Quelle von Kreativität, Gesundheit und Wandel. Ein Clown zu sein heißt, sich für die Gegenwart zu entscheiden, der Angst in die Augen zu schauen und den Sprung auf die Bühne des Lebens zu wagen. Für ihn bedeutet dieser Weg, die Sprache des eigenen Herzens zu spüren und danach zu handeln. Dann steht die Fülle des Lebens, die im Wesen eines jeden angelegt ist, uns zur Verfügung, um nicht benützt, sondern gelebt zu werden.
Das Lachen und die Ordnung, das Ernst und das Spiel
Die Freiheit des Narren steht die Zwänge einer Ordnung entgegen. Ordnung ist notwendig, sowohl für den einzelnen Menschen als auch für die Gesellschaft, gleich welche. Wenn die Notwendigkeiten einer Ordnung dazu führt, sich selbst untreu zu werden, das eigene Wesen zu verraten, entsteht eine ganz andere Form von Unordnung. Die Ordnung schafft seinen Gegenteil: Die Krankheit oder Gegenordnung.
In einer solchen Ordnung schaffen wir Masken, um unsere Verletzlichkeit zu schützen. Der Schutz trennt uns aber auch von unserem Selbst. Deshalb ist die Ordnung, die herrschende Mode, die übermäßige Betonung der Vernunft oder der Gefühle, die Sucht und die verschiedenen Formen des menschlichen Tun-als-ob das Material des Narren.
Im Inneren sind wir alle Narren, mit dem Leben verbunden. Nur im Leben sind wir an Konzepte und an Überzeugungen gebunden. So sind wir eigentlich im Kerne gesund! Immer wieder an diesen Kern zu erinnern, ist eine wichtige Aufgabe des Narren und des Clowns. Druck und "Streß" entstehen aus den Forderungen unserer Umgebung, die auf uns Macht ausübt. Wir müssen uns anpassen. Auch die Rebellion, die Verweigerung ist eine Form der Anpassung, da sie an einen Gegner gebunden ist.
Im Spiel des Clowns wird die angebetete Ordnung durch eine andere ersetzt, durch die Ordnung des Spiels. Das Spiel schließt den Ernst ein, nicht umgekehrt und erlöst uns von den Ängsten, die zu dem Aufbau einer starren inneren Ordnung führen. Wir verlieren die Ehrfurcht und gewinnen die Selbstachtung.
In der Welt ist es ein Wagnis, authentisch zu sein. Es ist ein Risiko, Menschen ohne Grund anzulächeln. Sich offensichtlich in der Öffentlichkeit zu freuen, wird als nicht "normal" angesehen. Hier wird das "Normalsein" mit dem Satz "die Welt ist eh Mühsal" gleichgesetzt und als Lebensregel hingestellt. Gleichzeitig gibt es Sätze wie: "Es soll niemand merken, wie es mir geht". Der Versuch, solche Gegensätze in die Wirklichkeit umzusetzen, schafft erst recht Mühsal.
Wer die "normale" Spaltung im Beruf kennt und täglich erlebt, hat auch mit den Folgen zu kämpfen. Der Kampf macht sie übrigens noch schlimmer. Wer Gerechtigkeit will, wird nicht Rechtsanwalt, wer Gesundheit nicht Arzt, wer Wissen nicht Lehrer. Was kann da der Weg sein, Erfüllung im Leben zu erfahren?
Ein Tor wird der genannt, der sich nicht an die normale Ordnung hält. So als Schimpfwort. Da der Narr eine andere Ordnung anerkennt, die natürliche Ordnung des Selbst, bleibt er mit sich identisch. Er entfremdet sich nicht. So bleibt der Humor die Lebenshilfe schlechthin.
Das Scheitern als Chance
Der Narr grenzt nämlich die sogenannten dunklen Seiten, oft Schatten genannt, nicht aus. Der weise, wohlwollender, wissender Narr des Universums, in welcher Form auch immer, ist die Null, die der Angst entgegengeht. Das, wovor der brave Bürger aber auch der fahnen-schwingender Freiheitskämpfer zurückschreckt, ist für den Narren höchst spannend. Hier ist der Narr wie ein Kind: Unschuldig und gespannt, ohne Vorurteil. Der Narr interessiert sich nur fürs Wesentliche und der Clown in seinem Spiel bringt sich ständig in existentielle Nöte, nur um herauszufinden, wie die Not wirklich ist.
Der Narr ist bereit, den eigenen Katastrophen und dem eigenen Schatten geradewegs ins Auge zu schauen. Das, was der Narr spiegelt, ist die Art, wie wir die Wahrheit leugnen. Er spiegelt unsere Masken, ob sie mit unserem Wesen übereinstimmen. Der Clown scheitert mit Hochgenuß. Er schafft seine Katastrophen ja selbst. Für viele mag es schon eine Katastrophe sein, daß andere merken, was man in Wirklichkeit denkt, wünscht oder tut. Genau das kehrt der Clown nach außen. Aber durch sein Spiel und seine eigene kreative Lebendigkeit, zeigt er uns einen Weg, den wir gehen können und einen freien Raum, den wir uns nehmen können.
Er schöpft aus seiner grundlosen Freude zum Leben, seiner Lust und seiner Liebe zum Spiel des Lebens. Viele Menschen haben gerade davor Angst, ein Versager zu sein. "Eine Null" zu sein, wäre im Beruf doch das Schlimmste, was einem passieren könnte. Doch aus unseren Ängsten entstehen feste Meinungen, Lebenseinstellungen, unverrückbare Grundsätze, die nur in der Welt der Vernunft Sinn machen. Die größten Schritte der Vernunft sind aber nur durch den Mut zur "Unvernunft" geschehen. Was in einem Zeitalter als unverrückbar galt, gilt heute oft als unhaltbar umgekehrt aber auch.
Der Narr ist im Herzen mit dem Leben und dem Lebendigen verbunden und dem Leben verpflichtet. Wer mit dem Leben verbunden ist, muß auch einer sein.
Deshalb lachen wir beim Clownspiel. Er tut genau das, wovor die meisten Angst haben: Er gibt sich hin. Einem Spiel, einem Gefühl. Er stolpert, er versagt, er blamiert sich, er scheitert. Seine Würde, sein Humor und deshalb sein Gleichgewicht aber verliert er nie.
Die größte Krankheit nach meiner Meinung ist die (Ver)Leugnung, schlicht, die Lüge. Auch Therapie ist im Grunde nichts anderes als eine Gelegenheit, die eigene Wahrheit vorbehaltlos aufrichtig und ehrlich zu äußern. Die falsche Treue, das Aufrechterhalten von erzwungenen Loyalitäten, führt zu größten inneren Spannungen. Dazu kommen die Einsamkeit, Langeweile und Sinnlosigkeit. Wenn wir davor flüchten, werden sie erst recht zu Ungeheuern, die uns bedrohen, statt ganz einfach Kontakt zu knüpfen, jemand anlächeln oder andere zum Lachen bringen. Wenn wir unseren vermeintlichen Schwächen mit Liebe begegnen, können wir sogar Spaß an ihnen haben. Es braucht aber Mut zu diesem Sprung. Es ist ein Sprung des Herzens, der nicht gedacht, sondern nur gesprungen werden kann.
Der Spiegel des Narren
Die Welt der Gegensätze
Der Narr hat den Sinn für die Widersprüche des Lebens, für das Paradoxe, für den Unsinn. Alles, was wir für sinnvoll halten wird im Spiegel des Narren erst einmal durch Spiel geprüft. Die inneren und äußeren Ordnungen, die jeder aufbaut und ernst genommen werden wollen, sind nur Material für den Spiegel des Narren. "Sinn" und "Unsinn", "Normal" und "Nichtnormal" sind nur Konzepte, Gegensätze in unserem Denken, aber nicht in der Wirklichkeit. Das Leben besteht aus Gegensätzen, licht-dunkel, männlich-weiblich, Hohe Tiefe. "Täter" und "Opfer" bedingen sich gegenseitig. Es gibt ein "Täterbewußtsein" und "ein Opferbewußtsein" beide haben Angst und schwören den anderen hervor. Nur der Angst begegnen beide nicht. Wer die Widersprüche aufheben will, muß erst recht daran scheitern. Sie anzunehmen setzt eine innere Öffnung voraus, die zu einer unwiderstehliche Heiterkeit führt.
Wir lachen über das Gegensätzliche, über das Unstimmige. Das Lachen löst die Spannung auf, die die Gegensätze in uns erzeugen. Und darin erkennen wir, ohne es unbedingt wissen zu müssen, daß sie sich gegenseitig bedingen. Sie gehören zu unseren Lebensspielen wie zum Spiel des Lebens. Aber erst wenn sie so deutlich gemacht werden wie in einem Polaritätsspiel, können wir darüber lachen und die Spieler sich mit dem ungeliebten Teil (oder mit dem Schatten) anfreunden.
Machtstreben, Gier und Dummheit (auch unter dem Deckmantel des Wissens), genauso aber unsere Harmoniesucht, Konfliktangst und Scheinheiligkeit, - unsere liebsten Einstellungen und Glaubenssätze - alles wird in Frage gestellt. Und wenn das Leben wiedergespiegelt wird, verliert das Bedrückende, Beschämende, Zwanghafte seine Macht und wir können neue Handlungsmöglichkeiten entdecken. Wir können neu entscheiden. Im wohlwollenden Lachen können Fassaden endlich fallen gelassen werden. Und das Lachen schafft eine neue gegenwärtige Beziehung zu den Menschen und zu der Welt in Wertschätzung der Existenz.
Der Narr lebt dort, wo Widersprüche nebeneinander existieren können, wo es keine Katastrophen gibt, außer denen, die man selbst schafft. Wer das eigene alltägliche Theater zum Besten gibt, braucht keinen Spott befürchten, sondern entdeckt den wahren Humor.
Der Körper als Spiegel
Unsere Lebensspiele, unsere Lebenseinstellungen sind im Körper gespeichert, in unserer Art, uns zu bewegen, in der Haltung, in den Gewohnheiten, in der Stimme, in unserer Sprache und in unseren Gedankenmustern. Unsere besondere Art, Gefühle zu zeigen oder zu hemmen, zeigt sich ebenfalls im Körper.
Wenn wir an unseren Grenzen geraten, zeigt sich das durch Erröten, Ärger, Tränen, gestische und mimische Reaktionen und durch sonstige körperliche Regungen und Symptome. Solche Reaktionen verstärkt der Narr in seinem Spiel, polarisiert sie bis sie urplötzlich ins Gegenteil kippen oder bricht sie absichtlich. Er entdeckt die Lust, die in ihnen steckt. Er ist ganz das Gefühl oder die Haltung und erforscht die Geschichte, die in jeder Haltung, in jeder Geste steckt.
Den Spiegel blank zu polieren, heißt, sich durchlässig, flexibel zu machen, sich mit allen möglichen Rollen anzufreunden, gerade mit denen, die einem gegen den Strich gehen, ja sogar zuwider sind. Die ureigene Komik, der innere Clown ist gerade hier zu Hause.